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Österreichs Zementindustrie: Jahresbilanz 2014 und Prognose 2015

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pdfGrafiken Österreichische Zementindustrie: Bilanz 2014, Prognose 20151.17 MB

Vertrauenskrise bremst Investitionen

Trotz Wirtschaftswachstum der Eurozone stagniert die österreichische Konjunktur. Die Ursachen dafür sind hausgemacht und hemmen eine positive Entwicklung der heimischen Zementindustrie. "Die Umsetzung des aktuellen Energieeffizienzgesetzes, Emissionshandels und teurer Ökosteuern führt zu überbordendem Bürokratismus. Dieser und der anhaltende politische Reformstau sind Grund für die deutliche Verringerung der Investitionen in die Betriebe der Zementindustrie", skizziert Mag. Rudolf Zrost, Vorstandsvorsitzender der Vereinigung der Österreichischen Zementindustrie (VÖZ) die aktuelle Situation. Forschung zur Produktentwicklung und Unterstützung der Ausbildung von Nachwuchskräften leisten einen wesentlichen Beitrag zur Konkurrenzfähigkeit der Bauwirtschaft in Österreich. "Die Entwicklung des Energiespeichers Beton ist weiter auf Erfolgskurs und gibt Anlass zu neuen, äußerst spannenden Einsatzmöglichkeiten", ist DI Sebastian Spaun, VÖZ Geschäftsführer, überzeugt.

Das Produktionsvolumen der neun österreichischen Zementwerke ist im Jahr 2014 gegenüber dem Vorjahr mit 4,44 Millionen Tonnen (+1,1%) und einem Umsatz von 372 Millionen Euro weitgehend stabil geblieben. Allerdings reiht sich der Wert im Zehnjahresvergleich nur im hinteren Drittel ein. Die Bruttowertschöpfung liegt mit 160 Millionen Euro im Durchschnitt der letzten zehn Jahre. "Die Wertschöpfung und die Schaffung von Arbeitsplätzen ist ein wichtiger Beitrag der Zementindustrie, vor allem für ländliche Regionen", erläutert Zrost. Im aktuell präsentierten Nachhaltigkeitsbericht 2014 der Zementindustrie sind Zahlen, Daten und Fakten dazu transparent dargestellt. Der Bericht erscheint alternierend mit einem Update im Zwei-Jahresrhythmus.

2015 keine Änderung in Sicht

Das Forschungsnetzwerk Euroconstruct prognostiziert der europäischen Bauwirtschaft für 2015/2017 eine Erholung von rund 2 Prozent. Österreich wird mit einem Wachstum der Bauwirtschaft von nur 1 Prozent 2015 und 1,3 Prozent 2016 beträchtlich unter dem EU-Durchschnitt bleiben. Für 2015 erwartet sich Zrost keine positiven Veränderungen, da es keine Zeichen für eine Änderung der politischen und budgetären Situation gibt. "Dazu haben wir uns leider auch von Deutschlands Wirtschaftsentwicklung abgekoppelt."

Sorgenkind ländlicher Raum

Bei Investitionen in die Infrastruktur wirkten sich, mit einem starken Ost-West-Gefälle, vor allem Projekte der ÖBB und ASFINAG positiv aus. Die Nachfrage aus dem Wohnbau hat 2014 auf geringem Niveau zugenommen, konzentrierte sich aber auf den städtischen Raum von Wien, Steiermark und Salzburg. Aus den ländlichen Regionen war wenig Bautätigkeit zu verspüren. "Der ländliche Raum Österreichs wird kaputt gespart. Es erfolgen kaum Investitionen. Weder im Wohnbau noch im Bereich der Infrastruktur", sagt Zrost. So stehe es mit Österreichs Infrastruktur nicht zum Besten. "Zwar investiert die ASFINAG aus den Mauteinnahmen jährlich rund eine Milliarde in das hochrangige Straßennetz, und rund zwei Milliarden Euro werden von der ÖBB in den Ausbau der Schiene investiert, jedoch bereitet der stille Zerfall der ländlichen Infrastruktur Sorgen", kritisiert Zrost.

Vertrauenskrise bremst Investitionen

Die Zementindustrie investiert traditionell in ihre Anlagen, insbesondere mit Umweltschutzmaßnahmen. Seit 2011 sind die Investitionen deutlich rückläufig. Einer der Gründe ist in der besonders guten, technologischen Ausbaustufe der Betriebe zu sehen, aber die Stimmung unter den Unternehmern ist schlechter als die wirtschaftliche Lage. Zrost: "In den Unternehmen findet sich eine totale Vertrauenskrise gegenüber den politisch Verantwortlichen, und so ist praktisch eine Investitionsverweigerung eingetreten." Eine Ausnahme stellen die Umweltinvestitionen dar, diese sind um 16 Prozent gestiegen. (Siehe Grafiken 5 und 6: Investitionsvolumen; Maßgebliche Großinvestitionen seit 2000)

Kritik an Standortpolitik

Bildung, Innovation und Forschung sowie eine gut ausgebaute Infrastruktur sind die bedeutendsten Standortfaktoren für die Wettbewerbsfähigkeit von Betrieben. "Es ist hinlänglich bekannt, dass Österreich kein Einnahmenproblem, sondern ein Ausgabenproblem hat. Aber es werden seit Jahren keine wirksamen Maßnahmen umgesetzt", kritisiert Zrost. Der Staat müsse dringend das Vertrauen der Unternehmen zurückgewinnen, fordert Zrost. Denn mit dem Steigen von Investitionen, wachsen auch Konjunktur und Arbeitsplätze in der Industrie. Die überbordende Bürokratie und neue Gesetze, die entwickelt werden ohne sich mit den Gegebenheiten auseinanderzusetzen, beschäftigen die Zementindustrie intensiv. "Mir fehlt in Österreich ein Verständnis für Unternehmen. Unsere Betriebe investieren Zeit und Geld in die Bürokratie, anstatt in Innovationen und Kreativität", ärgert sich Zrost.

Frauenanteil steigt kontinuierlich

Die österreichische Zementindustrie ist mit aktuell 1.197 Arbeitnehmern an elf Werkstandorten in acht Bundesländern ein wichtiger Arbeit- und Impulsgeber der Regionen. Der Anteil der Frauen lag 2014 bei 11,9 Prozent. Diese sind überwiegend in Stabsfunktionen, Forschung und Entwicklung sowie in kaufmännischen und administrativen Bereichen tätig. 93 Mitarbeiter sind im erweiterten Bereich Forschung und Entwicklung beschäftigt. Die Anforderung an die Qualifikation ist hoch, daher erfolgt die Aus- und Weiterbildung der Mitarbeiter und Lehrlinge (9,3 Prozent der Beschäftigten) direkt in den Betrieben oder über externe Angebote der Branchenorganisationen. Die Zementindustrie erzeugt regionale Produkte mit kurzen Transportwegen, und so generiert ein Mitarbeiter der Zementindustrie bereits vier weitere in anderen Branchen.

Hinterfragen der Klima-, Energie- und Umweltpolitik

Umweltschutz und Energieeinsparungsmaßnahmen haben seit Jahrzehnten einen besonders hohen Stellenwert in der Zementindustrie. "Wir dürfen aber Umweltschutz, Wettbewerbsfähigkeit und soziale Sicherheit nicht gegeneinander ausspielen", sorgt sich Spaun. Es sei nötig, in einem europäischen Kontext zu denken. "Wir vermissen eine langfristige Planbarkeit und vergleichbare Rahmenbedingungen", so Spaun weiter. Die politisch verhandelten Klima- und Energieziele müssen hinsichtlich ihrer potenziellen Auswirkungen auf energieintensive Branchen ausgestaltet werden.

Kreislaufwirtschaft stößt an Grenzen

Betonabbruch wird zu 99 Prozent wiederverwertet und ist mit 2,4 Millionen Tonnen die größte Fraktion innerhalb der 5,8 Millionen Tonnen aufbereiteter Abfälle aus dem Bauwesen. Schwerer zu verwerten ist gemischter Bauschutt (2,2 Millionen Tonnen). Die Zementindustrie nimmt davon 0,4 Millionen Tonnen mit hohem Ziegelanteil ab, um diesen als Tonersatz zu nutzen. "Das sind hohe Verwertungsraten. Aber wir dürfen nicht vergessen, dass Kreislaufwirtschaft Grenzen hat, denn wir können damit lange nicht den Bedarf an Primärrohstoffen decken", warnt Spaun. Bei einem jährlichen Bedarf von rund 120 Millionen Tonnen an mineralischen Rohstoffen liegt der Output aus den Baurestmassen bei etwa fünf Prozent. "Auch die stoffliche Zusammensetzung ist entweder technisch nicht verwertbar oder beeinflusst neue Produkte negativ in ihren Eigenschaften", erklärt Spaun weiter. Die seitens EU verordneten, rein quantitativen Recyclingquoten nehmen darauf keine Rücksicht. Spaun: "Wir brauchen eine Analyse, welche Problemstoffe wir konsequent vom Recyclingprogramm fernhalten müssen, wie wir mit schwer zu trennenden Materialverbünden umgehen und welche Schadstoffe ausgeschleust werden müssen."

Kontraproduktives Energieeffizienzgesetz

"Das aktuelle Energieeffizienzgesetz weist eine große Parallelität zum Emissionshandelsgesetz auf. Denn Industriebetriebe, die aufgrund von Investitionen bereits über hervorragende Kennzahlen verfügen, und daher kein Einsparungspotenzial mehr haben, werden rigoros gegenüber Unternehmen benachteiligt, die bisher noch keine Maßnahmen getroffen und großes Minderungspotenzial haben", erklärt Spaun. Energielieferanten fordern Ausgleichszahlungen ein, weil die Zementbetriebe aufgrund des hohen Niveaus an Energieeffizienz keine Minderungsmaßnahmen mehr übertragen können. "Während Deutschland seine energieintensive Industrie von diesen Kosten befreit oder diese deckelt, werden in Österreich die effizientesten Betriebe mit den höchsten Kosten belastet, im Worst Case mit weiteren 4 Mio. Euro im Jahr", sagt Spaun. (Siehe Grafiken 11, 12 und 13: Thermischer Energieeinsatz; Anteil Ersatzbrennstoffe; Energiebezogene Abgaben und Steuern;)

Reform Emissionshandel nötig

Innerhalb von 15 Jahren konnte der CO2-Ausstoß je Tonne Zement um 13 Prozent reduziert werden. Damit liegen die österreichischen Anlagen nur 2,2 Prozent über der Benchmark der besten zehn Prozent aller europäischen Werke, welche die Grundlage zur Berechnung der Zertifikatzuteilung darstellt. Seit Beginn der "Dritten Periode" wird die Zuteilung mit einem "Korrekturfaktor" zusätzlich reduziert. 2014 erhielt die Zementindustrie damit um 7,4 Prozent weniger Zertifikate. "Bei Fortführung dieses Modells und einem prognostizierten Preis von 40 Euro pro Zertifikat werden im Jahr 2030 nur mehr 52% der CO2-Emissionen zugeteilt. Dies bedeutet für die Zementindustrie Mehrkosten von 52 Mio. Euro im Jahr 2030. Um weiter in Österreich produzieren zu können, brauchen wir dringend eine Reform", fordert Zrost. In den Niederlanden haben Ministerien und der Verband der Industrie und Arbeitgeber ein Reformmodell des Emissionshandels entwickelt. In diesem soll die Gratiszuteilung an die Industrie durch eine dynamische Allokation flexibler gestaltet werden. "Der niederländische Reformvorschlag ist zu unterstützen. Ohne Korrekturfaktor und mit zeitnaher Zuteilung auf aktueller Mengenbasis kann sich der CO2-Preis entwickeln und den gewünschten Lenkungseffekt ausüben." (Siehe Grafiken14, 15 und 16: Berechnung; Spezifische CO2-Emissionen 2014; Prognose 2030)

Energiespeicher Beton weiter auf Erfolgskurs

Die Fähigkeit von Beton, Wärme oder Kühle zu speichern, führte zur Nutzung in der thermischen Bauteilaktivierung. Dafür werden in Betondecken Rohre verlegt, durch die warmes oder kaltes Wasser geleitet wird. Die Temperierung von Gebäuden mit dieser Technologie wird seit etwas über zehn Jahren professionalisiert und von Forschungsprojekten begleitet. "Die Nutzung des Energiespeichers Beton mittels Bauteilaktivierung ist am Punkt unsere Zeit. Die Temperatur im Raum reguliert sich praktisch von selbst. Sogar Fenster können geöffnet werden", freut sich Spaun über die bauphysikalischen Fakten. Aktuell werden von der Zementindustrie Leitfäden für die Bauwirtschaft zum Einsatz in der Praxis entwickelt, um das System österreichweit in die Bauausbildung integrieren zu können. (Siehe Grafik 17: Energiespeicher Beton)

Beton als Zwischen(energie)speicher

Eine mehr als spannende Überlegung ist die Nutzung als Zwischenspeicherung überschüssiger Energie. Erneuerbare Energie aus Wind oder Sonne wird nicht gleichmäßig erzeugt. Die Produktion aus Spitzenzeiten könnte in Beton eingelagert und zeitversetzt, nach Bedarf, wieder abgegeben werden. (Siehe Grafik 18: Zwischenspeicher Beton)

Forschung und Entwicklung

Die österreichische Zementindustrie arbeitet mit der Forschungsabteilung der VÖZ und der Smart Minerals GmbH (je 50 Prozent VÖZ und TU Wien) an zukunftsorientierten Anwendungen von Zement und Beton. Dabei wird im Sinne eines zukunftsfähigen, nachhaltigen Bauens das Bauwerk als Ganzes betrachtet. Aktuell werden die Auswirkungen der Beleuchtungskosten bei unterschiedlicher Helligkeiten von Betondecken in Tunneln untersucht. Oder wie sich Oberflächentemperaturen von Asphalt- sowie unterschiedlich hellen Betondecken im Tagesverlauf entwickeln und damit innerstädtisches Klima beeinflussen. Mit einem "White - Topping"- Verfahren (Asphalt wird etwa 10 cm abgefräst und Beton aufgebracht) können temperatursenkende Effekte erzielt werden, gleichzeitig kann damit die Tragfähigkeit und Dauerhaftigkeit der Straße erhöht werden.

Nachwuchsförderung sowie Aus- und Weiterbildung

Die Zementindustrie sieht in der Initiierung und Unterstützung von Planungswettbewerben an Universitäten, der Erstellung von Unterrichtsmaterialien für Pflichtschulen sowie Informationsveranstaltungen einen gesellschaftlich notwendigen Beitrag. "Der Staat ist nicht für alles allein verantwortlich. Aber wir brauchen für unsere Initiativen auch die Unterstützung von Partnern der Bauindustrie, Universitäten, Lehreinrichtungen und Behörden", meint Spaun. So wird in diesem Jahr der etablierte Studentenpreis "Concrete Student Trophy" bereits zum zehnten Mal ausgelobt. Das Besondere an diesem Studentenpreis ist, dass rund ein Drittel der Siegerprojekte auch tatsächlich umgesetzt wurden. Aus dem Studentenwettbewerb 2013 wurde beispielsweise ein Prototyp neuer Grillstationen für die Wiener Donauinsel entwickelt. Heuer stehen bereits 16 Anlagen zur Verfügung. Im Juni nehmen Studenten der TU Wien und TU Graz an einer internationalen Betonkanuregatta teil und bauen dafür an den Beton-Rennbooten. Lehrunterlagen zum "Energiespeicher Beton" bringen das Know-how neuer Technologie rasch in die Ausbildung, Filmmaterial zu Betonanwendungen oder Betontechnologien wird für Bildungseinrichtungen wie Fachhochschulen, Unis und HTLs produziert und via youtube auch der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.